Fünf Regeln für eine korrekte indirekte Rede

Erinnern Sie sich an die «reported speech» im Englischen? An den «time shift»? Daran, dass bei einem einleitenden Satz in der Vergangenheit die Zeitformen in der englischen indirekten Rede verschoben müssen? Etwa so:

  • Ruth said: «I am in a very bad mood.»
  • Ruth said that she was in a very bad mood.

Oder so:

  • Ruth was in a very bad mood.
  • Tom said that Ruth had been in a very bad mood.

Auch so:

  • Tom says that Ruth will be in a very bad mood.
  • Tom said that Ruth would be in a very bad mood.

Für einen Englisch-Refresher reicht dieses Streiflicht auf die «reported speech» und den «time shift» allemal. Zumal es in diesem Beitrag um die Frage gehen soll, wie die indirekte Rede in der deutschen Sprache gebildet wird.

Um es vorweg zu nehmen: In der deutschen indirekten Rede werden die Zeitformen nicht verschoben. Dafür piesackt uns das Deutsche mit zwei verschiedenen und punktuell doch austauschbaren Konjunktiv-Formen, die wir in der indirekten Rede anwenden sollen. Aber der Reihe nach.

Erstens: Der einleitende Satz spielt keine Rolle.

Ganz egal, ob der einleitende Satz im Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I oder Futur II steht – die indirekte Rede schert sich nicht darum. Schauen wir uns folgendes Beispiel an:

  • Ruth sagt: «Ich bin sehr schlecht gelaunt.» (Indikativ Präsens)

Wandeln wir nun die direkte in indirekte Rede um, so hat die Zeitform des einleitenden Satzes keine Auswirkungen auf die Tempi in der indirekten Rede:

  • Ruth sagt,(einleitender Satz im Präsens)
  • Ruth sagte,(im Präteritum)
  • Ruth hat gesagt, (im Perfekt)
  • Ruth hatte gesagt,(im Plusquamperfekt)
  • Ruth wird sagen,(im Futur I)
  • Ruth wird gesagt haben,(im Futur II)
  • … dass sie sehr schlecht gelaunt sei. (Konjunktiv I Präsens)

Zweitens: Die indirekte Rede übernimmt die Zeitform der direkten Rede.

Die indirekte Rede orientiert sich nicht am Tempus des einleitenden Satzes, sondern übernimmt die Zeitformen der direkten Rede. Sehen Sie selbst:

  • Ruth sagt: «Ich bin sehr schlecht gelaunt.» (Indikativ Präsens)
  • Ruth sagte, sie sei sehr schlecht gelaunt. (Konjunktiv I Präsens)
  • Ruth sagt: «Ich war sehr schlecht gelaunt.» (Indikativ Präteritum)
  • Ruth sagt: «Ich bin sehr schlecht gelaunt gewesen.» (Indikativ Perfekt)
  • Ruth sagt: «Ich war sehr schlecht gelaunt gewesen.» (Indikativ Plusquamperfekt)
  • Ruth sagte, sie sei sehr schlecht gelaunt gewesen. (Konjunktiv I Perfekt für alle Vergangenheitsformen im Indikativ)
  • Ruth sagt: «Du wirst sehr schlecht gelaunt sein.» (Indikativ Futur I)
  • Ruth sagte, er werde sehr schlecht gelaunt sein. (Konjunktiv I Futur I)
  • Ruth sagt: «Du wirst sehr schlecht gelaunt gewesen sein.» (Indikativ Futur II)
  • Ruth sagte, er werde sehr schlecht gelaunt gewesen sein. (Konjunktiv I Futur II)

Drittens: Die indirekte Rede steht grundsätzlich im Konjunktiv I.

In der gesprochenen Sprache hören Sie gelegentlich Sätze wie diese:

  • Ruth sagt, dass sie sehr schlecht gelaunt ist. (Indikativ Präsens)
  • Tom sagte, Ruth war sehr schlecht gelaunt. (Indikativ Präteritum)
  • Ruth sagte, sie ist sehr schlecht gelaunt gewesen. (Indikativ Perfekt)

Ganz korrekt – im Sinne von standardsprachlich – ist das zwar nicht. Mündlich drücken wir jedoch gerne einmal ein Auge zu. Trotzdem: Die indirekte Rede steht im Deutschen grundsätzlich im Konjunktiv I, nicht im Indikativ. Das vorangehende Kapitel spielt die verschiedenen konjunktivischen Zeitformen exemplarisch durch.

Viertens: Lautet der Konjunktiv I gleich wie der Indikativ, wird der Konjunktiv II verwendet.

Um gegenüber dem Leser und der Hörerin die indirekte Rede zu verdeutlichen, werden Konjunktiv-I-Formen in den Konjunktiv II gesetzt, wenn sie identisch sind mit den jeweiligen Indikativ-Formen:

  • Ruth sagt: «Sie haben mich angeschrien, weil sie schlecht gelaunt waren.» (Indikativ Perfekt)
  • Ruth sagte, sie hätten sie angeschrien, weil sie schlecht gelaunt gewesen seien. (Konjunktiv I Perfekt [haben] identisch mit Indikativ Perfekt [haben], deshalb Konjunktiv II Plusquamperfekt)

Manche setzen von Anfang an lieber auf den Konjunktiv II, um zu unterstreichen, dass eine Aussage nicht von einem selbst, sondern von einer Drittperson stammt. Wie in diesem Beispiel:

  • Ruth sagt: «Er hat mich angeschrien, weil er schlecht gelaunt war.» (Indikativ Perfekt)
  • Ruth sagte, er hätte sie angeschrien, weil er schlecht gelaunt gewesen sei. (Konjunktiv II Plusquamperfekt [hätte] statt Konjunktiv I Perfekt [habe])

Das ist zwar grammatisch falsch, dafür kommunikativ relevant. Insbesondere im Journalismus, wo Drittaussagen klar von den eigenen Aussagen abgegrenzt werden wollen (danke, Bastian Sick, für diesen Hinweis).

Fünftens: Der Konjunktiv der direkten Rede bleibt erhalten.

Mitunter steht das Gesagte bereits in der direkten Rede im Konjunktiv. Die indirekte Rede übernimmt solche Konjunktiv-Formen telquel. Dabei geht es insbesondere um den Konjunktiv II:

  • Ruth sagt: «Ich würde dich anschreien, wenn ich schlecht gelaunt wäre.» (Konjunktiv II Präteritum)
  • Ruth sagte, sie würde ihn anschreien, wenn sie schlecht gelaunt wäre. (Konjunktiv II Präteritum)
  • Ruth sagt: «Ich hätte dich angeschrien, wenn ich schlecht gelaunt gewesen wäre.» (Konjunktiv II Plusquamperfekt)
  • Ruth sagte, sie hätte ihn angeschrien, wenn sie schlecht gelaunt gewesen wäre. (Konjunktiv II Plusquamperfekt)

Die Regel gilt auch für den Konjunktiv I. Und zwar für den seltenen Fall, dass wir eine indirekte Rede indirekt wiedergeben:

  • Ruth sagt: «Tom habe Monika verlassen…» (Konjunktiv I Präsens)
  • Ruth sagte, Tom habe Monika verlassen. (Konjunktiv I Präsens)

Konjunktiv I und Konjunktiv II: grundverschieden

Auch wenn der Konjunktiv II dem Konjunktiv I bisweilen unter die Arme greift (siehe viertens) – die beiden haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Konjunktiv I und Konjunktiv II sind grundverschieden. Und: Der Konjunktiv II ist stärker.

Alles nur noch böhmische Dörfer für Sie? Ich fühle mit Ihnen. Die deutsche Sprache hält uns bei der indirekten Rede tatsächlich auf Trab. Fast wünschen wir uns den «time shift» des Englischen zurück, nicht wahr?

Sie haben es aber fast geschafft. Schauen Sie sich noch einmal unseren ersten Beispielsatz an:

  • Ruth sagt: «Ich bin sehr schlecht gelaunt.» (Indikativ Präsens)
  • Ruth sagte, sie sei sehr schlecht gelaunt. (Konjunktiv I Präsens)

Hier haben wir es entweder mit einer Tatsache zu tun: Ruth ist schlecht gelaunt. Oder mit einer Behauptung: Ruth gibt vor, schlecht gelaunt zu sein. Die Aussage ist also wahr oder sie ist – ohne dass wir es wissen und auch ohne dass es uns interessiert – richtig oder falsch.

In der direkten Rede kennzeichnen wir wahre Aussagen bzw. Aussagen, bei denen uns der Wahrheitsgehalt nicht interessiert, mit dem Indikativ. In der indirekten Rede mit dem Konjunktiv I. Indikativ und Konjunktiv I werden deshalb Realis genannt.

Ganz anders funktionieren folgende Beispiele:

  • Wäre Donald Trump doch nicht Präsident der Vereinigten Staaten. (Konjunktiv II Präteritum)
  • Hätte Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen doch nicht gewonnen. (Konjunktiv II Plusquamperfekt)

Beide Aussagen sind unwahr: Donald Trump ist Präsident der Vereinigten Staaten und hat die US-Präsidentschaftswahlen gewonnen. Obige Sätze sind ein unmöglicher Wunsch. Derlei unwahre Aussagen werden durch den Konjunktiv II, den Irrealis, ausgedrückt. Dabei ist dem Konjunktiv II egal, ob er als direkte oder indirekte Rede vorkommt. Er kann beides – und übersteuert in der indirekten Rede den Konjunktiv I:

  • Ruth sagt: «Hätte Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen doch nicht gewonnen.» (Konjunktiv II Plusquamperfekt)
  • Ruth wünscht sich, dass Donald Trump die US-Präsidentschaftswahlen nicht gewonnen hätte. (Konjunktiv II Plusquamperfekt)

Kurzum: Der Konjunktiv I versetzt eine direkte Rede in eine indirekte – der Konjunktiv II eine wahre Aussage in eine unwahre, sei sie direkt oder indirekt formuliert.

Übrigens: Nun wissen wir auch, weshalb Ruth so schlecht gelaunt ist…

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Bindestrich: Ja, aber richtig!